Allgemein

Bewusstes Handeln, eine Voraussetzung für unfallfreies Arbeiten!

8. Juni 2020, von Bodo Enzenroß

Weder im Arbeitsschutzgesetz, noch in der Betriebssicherheitsverordnung, oder in anderen in der Rangfolge untergeordneten Vorschriften wird auf die Pflicht in der Gefährdungsbeurteilung eingegangen, dass auf psychologische Verhaltensweisen von Menschen zur Vermeidung von Unfällen einzugehen ist. Es sind lediglich psychische Belastungen/ Beanspruchungen zu betrachten. Diese können auch Ursache von Unfällen sein, bilden aber nicht den großen Anteil. Tatsache ist, dass der Faktor Mensch die Hauptunfallursache ist. Umso logischer ergibt sich daraus die Schlussfolgerung, dass der Mensch im Arbeitsbereich zu betrachten ist.

Wichtig sind dabei drei psychologische Bereiche:

  • Wahrnehmungen (wie funktionieren sie, welchen Einfluss haben diese auf Handlungsabläufe).
  • Einstellungsbildung (welche Faktoren bestimmen diese und wie entstehen Einstellungen).
  • Das gesamte System der Prozesse und Eigenschaften der Persönlichkeit. Es genügt aber schon das vereinfachte Verhaltensmodell in der Prävention zu betrachten.

In diesem Beitrag wird anhand von nur einigen wenigen Beispielen dargestellt, welche genialen Möglichkeiten/ Reserven sich für eine Präventionsarbeit ergeben. Der Begriff der Ankertechnik hat seinen Ursprung im NLP (Neuro-Linguistisches-Programmieren). Hier geht es allerdings darum, Gefühle zu ankern. Ein klassisches Beispiel ist, ein „Lampenfieber“ zu überwinden, in dem mit dem Kugelschreiber in der Hand ein gutes Erlebnis (Gefühl) verbunden wird. Das bekannteste Experiment ist der „Pawlowsche Hund“.

In der Arbeitssicherheit geht es darum, über Anker zum bewussten Handeln zu kommen, um damit Unfälle zu verhindern. Im Sinne des NLP könnte man von sekundären Ankern sprechen.

Zunächst muss das vereinfachte menschliche Verhaltensmodell betrachtet werden.

Wie kann das in die Praxis umgesetzt werden?

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Hier eine kurze Erklärung für Reflexe und deren Auswirkungen für die Arbeitssicherheit:

Reflexe haben auch eine sehr schützende Funktion. So schütz der Liedreflex unser Auge vor möglichen Verletzungen.

  • Fährt ein entgegenkommendes Fahrzeug durch eine Pfütze und bespritzt unsere Windschutzscheibe mit Wasser, so schließen wir in Bruchteilen von Sekunden die Augen. Das kann zu einer sehr gefährlichen Situation führen.
  • Ein nicht sicher abgelegter Lötkolben kann beim Herunterfallen dazu führen, dass der Mitarbeiter nachgreift und sich die Hand verbrennt. Keine und noch so perfekte Unterweisung wird den Mitarbeiter von dieser Handlung abhalten können.
  • Arbeitet ein Mitarbeiter auf einer Leiter, die nicht sicher steht, besteht die Gefahr, dass diese ins Wackeln kommt. Die Folge wird immer der Greifreflex sein. Deshalb muss die Steighohe immer auf die fünftletzte Stufe/Sprosse begrenzt sein. So dass sich im Greifbereich Holmmaterial befindet. Leider fordert keine Vorschrift diese Vorgehensweise.
  • Ein plötzlich auf die Fahrbahn springendes Wild führt immer zu unkontrollierbaren reflexartigen Handlungen, die sehr gefährlich sein können. Die Beherrschung solcher Situationen ist nicht erlernbar. Erlernbar ist, dass der Kraftfahrer bei einer solchen möglichen Situation (Wildwarnschild) die Geschwindigkeit immer reduziert.
  • Deshalb ist es völlig falsch, dass für die Teilnahme an Verkehrssicherheitskursen geworben wird, dass Teilnehmer dort lernen, ihr Fahrzeug in plötzlichen Gefahrensituationen (Grenzsituationen) zu beherrschen. Solche Reaktionsfähigkeiten zu erlernen verlangt ein sehr, sehr langes Training. Der Ballsport ist ein sehr anschauliches Beispiel, wie Menschen reflexartig reagieren.

Unfallbeispiel:
Ein Mitarbeiter erhält den Arbeitsauftrag, eine Sammelschiene zu reinigen. Die in der Nähe befindlichen unter Spannung stehende Bereiche sollten fachgerecht abgedeckt werden. Aus welchen Gründen auch immer ignoriert der Mitarbeiter diese Anweisung. Für den Aufstieg benutzt der Mitarbeiter eine Leiter, die bei der Arbeitsausführung ins Wackeln kommt. Reflexartig greift er, um Halt zu finden, in den Spannungsbereich. Er erleidet eine Durchströmung und stürzt in der Folge in die Tiefe. Er erlitt dabei schwere Verletzungen. Ähnliche Unfälle in verschiedenen Arbeitsbereichen gibt es leider viel zu viele.

Schlussfolgerung für eine gezielte Präventionsarbeit (Gefährdungsbeurteilung): Arbeitsabläufe sind immer auf solche möglichen Situationen genaustens zu betrachten. Das betrifft den Arbeitsablauf, aber auch den Einsatz der Arbeitsmittel.

Erlernte unbewusste Verhaltensweisen

Diese Verhaltensweisen entstehen immer dann, wenn Handlungsabläufe sehr häufig wiederholt werden. Erlernte unbewusste Verhaltensweisen sind einerseits sehr sinnvoll, weil wir uns in der Wahrnehmung nicht überfordern.

Beispiel:
Wir haben laufen erlernt und müssen nicht darauf achten, wie der Ablauf der Füße zu erfolgen hat. Zum Problem wird nur dann die Stolperstelle (größer 4mm). Viele Unfälle wären vermeidbar, wenn Arbeits- und Handlungsabläufe bewusst ausgeführt werden. Artisten führen sehr gefährliche Arbeiten aus. Sie verunfallen aber sehr, sehr selten. Sie sind immer bei der „Sache“.

Für das Bewusstmachen gibt es die Möglichkeit der Anker. Diese können sowohl visuell-, auditiv- und kinästhetisch sein.

Hier einige Beispiele:

  • Die farbliche Markierung der Antritts- und Endstufe im Bereich der Treppe
  • Die Anzeige von Schaltzuständen
  • Ein akustisches Signal beim Betreten von Gefahrenbereichen
  • Der nicht angelegte Sicherheitsgurt- akustische Signal
  • Noppen auf den Fußboden bevor die Fahrbahn überquert wird
  • Der „Rappelstreifen“ auf Autobahnen

Sehr problematisch gestalten sich falsche, gefährliche erlernte unbewusste Verhaltensweisen. Das „Umlernen“ ist ein sehr schwieriges „Unterfangen“. Auch bieten Anker eine sehr gute effektive Möglichkeit der „Umprogrammierung“.

Hier ein Beispiel:
Ein Kraftfahrer fährt viele Jahre Auto in einem ehr ländlichen Bereich. Mit dem Schulterblick nimmt er es nicht so genau. Die neue Arbeitsaufgabe erfordert eine permanente Fahrt in die Großstadt. Ein leuchtend gelber Aufkleber im Sichtfeld auf dem Armaturenbrett führt sehr wahrscheinlich zum bewussten richtigen Handeln. Nach einer gewissen Zeit (ist auch von der Person abhängig) hat sich dann der Schulterblick zu einer automatischen richtigen unbewussten Verhaltensweise entwickelt.

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