Allgemein

Reserven, Möglichkeiten und Grenzen im Prozess der Gefährdungsbeurteilung

27. Juli 2021, von Bodo Enzenroß

Gefährdungsbeurteilungen haben gut organisierte Betriebe schon immer durchgeführt. Es war und ist noch immer so, dass die Gefährdungsbeurteilung im Baugewerbe anders als im Bürobereich abläuft und eine andere Bedeutung hat. Welches sind die gravierenden Unterschiede. Diese sind zum Beispiel:

  • Die Gefahr im Büro zu verunfallen, das zeigen die Erfahrungen, hält sich in Grenzen.
  • Auf Baustellen sind regelmäßig verschiedene Bauarbeiter über Werkverträge tätig.
  • Mit jedem Baufortschritt ergeben sich immer wieder neue Arbeitsbedingungen, die Gefahren mit sich bringen, die manchmal auch so nicht zu erwarten sind.
  • Witterungsbedingungen, extreme Hitze oder Kälte haben bei Bauarbeiten einen Einfluss auf die Psyche und Physis der Mitarbeiter. Diese können auf die Mitarbeiter einen unterschiedlichen Einfluss haben (ein aus Afrika kommender Mitarbeiter wird Kälte anders empfinden als ein aus Sibirien kommender Mitarbeiter).
  • Bei Bauarbeiten arbeiten Mitarbeiter oft Hand in Hand. Es werden gemeinsam Arbeiten ausgeführt. Alle Einzelarbeiten im Vorfeld zu planen und in der Gefährdungsbeurteilung zu berücksichtigen, ist nicht möglich.
  • Kurz vor der Fertigstellung eines Bauwerks kommt es häufig zur Hektik, weil vereinbarte Termine nicht gehalten werden.

Die hier aufgeführten wenige Beispiele, die eine Gefährdungsbeurteilung so komplex erscheinen lassen, sind auf viele andere Arbeitsbereiche und Tätigkeiten zu übertragen. Solche Arbeitsbereiche oder Tätigkeiten sind z.B.:

  • Servicetätigkeiten (Reparatur oder Neuerrichtung von Anlagen und Geräten)
  • Auslandseinsätze
  • Kraftfahrer
  • Der Sperrkassierer im Auftrag eines Energieversorgungsunternehmen
  • Der Tischler, der Elektriker, der Gas- und Wasserinstallateur

Bei einem Kraftfahrer zeigen sich die Grenzen einer allumfassenden Gefährdungsbeurteilung sehr deutlich. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, alle Gefahrensituationen, die ihm im Straßenverkehr erwarten können, in der Gefährdungsbeurteilung zu erfassen und vor allem daraus Handlungsanleitungen abzuleiten. Am Ende wird der Kraftfahre (mitunter sehr schnell) entscheiden müssen, was und wie er handeln muss.

Deshalb werden hier einige wichtige Handlungshinweise gegeben, die leider in der Praxis zu wenig berücksichtigt werden:

a. Bei einer Gefährdungsbeurteilung ist immer auch der Mitarbeiter als Person zu betrachten (Ausbildung, Erfahrungen, physische und psychische Voraussetzungen).
b. In die Gefährdungsbeurteilung immer die betroffenen Mitarbeiter einbeziehen. Die §§15-18 der DGUV A1 bilden hierfür die Rechtsgrundlage.
c. Immer so viele wie möglich Mitarbeiter einbeziehen. Vier Augen sehen immer mehr als zwei Augen.
d. Je mehr die Mitarbeiter selbst einbezogen werden, je höher ist die Identifikation mit den Maßnahmen.
e. Die Gefährdungsbeurteilung ist ein permanenter Prozess, der kein Anfang- und Ende kennt. Die höchste und wirkungsvollste Gefährdungsbeurteilung ist dann erreicht, wenn jeder Mitarbeiter bei all seinen Handlungen und Tätigkeiten sich vorher die Frage stellt: „was passiert, wenn“. Das hat etwas mit der Einstellung zur Arbeitssicherheit zu tun. Hier hat auch die Unterweisung einen besonderen Stellenwert.
f. Häufig ist die falsche Auffassung vertreten, dass die Dokumentation der Gefährdungsbeurteilung in einem „Werk“ und in gleicher Form zu erfolgen hat. Das kann, muss aber nicht so sein.
Beispiel für eine praktikable Lösung: In der Unterweisung erarbeiten die Mitarbeiter die speziell auf ihre Tätigkeiten notwendigen sicheren Verhaltensweisen im Umgang mit Leitern. Diese Verhaltensregeln werden auf einer Pinnwand veranschaulicht. Dann wird in einer folgenden Diskussion ergänzt und verändert. Danach werden diese Verhaltensregeln fotografiert (also dokumentiert) und jeden Mitarbeiter ausgehändigt. Damit erfolgte in einer Veranstaltung die Unterweisung und gleichzeitig die Gefährdungsbeurteilung. Das ist eine effektive und wirkungsvolle Vorgehensweise, aber auch nicht für alle Tätigkeitsbereiche so anwendbar.
g. Eine Betriebsanweisung für den Umgang mit einem Gefahrstoff, eine Betriebsanweisung für den sicheren Umgang mit einer Maschine und eine Arbeitsanweisung für das Verfahren „Arbeiten unter Spannung“ ist jeweils auch dokumentierte Gefährdungsbeurteilung.

Es macht immer Sinn, bei der Gefährdungsbeurteilung sich daran zu erinnern, was mit der gesetzlich verankerten Pflicht (Arbeitsschutzgesetz §§5,6) beabsichtigt war.

  1. Mehr Eigenverantwortung der Unternehmen
  2. Weniger Bürokratie

Leider kann man manchmal den Eindruck haben, dass diese sehr sinnvolle Strategie falsch verstanden wird.

Über den Autor:

Bodo Enzenroß

Der Diplom-Pädagoge und Diplom-Ingenieur für Nachrichtentechnik (FH) verfügt über 19 Jahre Berufserfahrung als Dozent bei der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) Zuvor war Bodo Enzenroß 5 Jahre als Personalchef und zugleich als Sicherheitsfachkraft in einem Produktionsunternehmen der Elektronik mit ca. 550 Beschäftigten sowie 5 Jahre als Kundendienstingenieur tätig. Er hat zusätzlich eine REFA-Ausbildung (Arbeitsgestaltung, Betriebsorganisation und Unternehmensentwicklung) sowie eine NLP-Grundausbildung (Neuro-Linguistisches Programmieren) absolviert. Bodo Enzenroß verfügt über umfangreiche Berufserfahrung als Trainer im Bereich der beruflichen Weiterbildung. Seine Interessen: Reisen in ferne Länder, Blumen, Skat spielen.

Mehr zum Thema erfahren? Kommen Sie zum Deutschen Arbeitsschutz-Kongress.

Weiter zum Programm

Das könnte Sie auch interessieren: